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MI | 21.03 | 17:03
Gefallene Helden (Bild: Linz 09)
Diskussion um "Gefallene Helden"
2009 soll eine Reihe von Ausstellungen die NS-Vergangenheit von Linz aufarbeiten. Doch ein Projekt bereitet Kopfzerbrechen: Zwei der in der NS-Zeit aufgestellten Nibelungenstatuen sollen als "Gefallene Helden" auf der Nibelungenbrücke wieder erstehen.
Siegfried und Kriemhild, zwei mehr als sechs Meter hohe Reiterstatuen zierten von 1941 bis Kriegsende die Linzer Nibelungenbrücke - Zwei naturalistische Statuen, ganz im Geist der monumentalen Kulturvorstellung der Nationalsozialisten.

Statuen sollen von Beginn an zerbröckeln
2009 könnten die beiden als Reproduktionen wieder dort stehen, allerdings hergestellt aus einem Material, das von Beginn an rasch zerbröckelt, "Gefallenen Helden" eben. Es sei ein bewusstes, kulturelles Signal der Aufarbeitung der NS-Zeit in Linz, so der stellvertretende 09-Intendant Ulrich Fuchs.

"Aus meiner Sicht muss wirklich die Figuration des Projekts so sein, dass vom ersten Moment an für den Betrachter deutlich wird, dass es hier nicht um eine Abbildung, sondern um eine kritische Abbildung, um eine Distanz zu dieser Zeit geht. Das ist genau der Kern der Frage, wie man das hinbekommt: Mit begleitenden Umständen, aber auch durch den Vorgang selbst, damit es gar keinen Zweifel daran geben kann, welche Geisteshaltung von uns und von der Bevölkerung mit diesem Projekt verbunden ist", so Fuchs.
Reiterstatue (Bild: ORF)
Großausstellung über NS-Zeit geplant
Damit das Projekt "Gefallene Helden" nicht als Wiederbelebung überkommener Politik und Kulturvorstellungen missverstanden werden kann, ist dazu eine Großausstellung über Linz in der NS-Zeit geplant.

Denn Linz sollte während der NS-Zeit zur sogenannten Führerstadt, zu einem Verwaltungs-, Kultur- und Industriezentrum umgebaut werden. Die Hermann Göring Reichswerke wurden als einer der größten Rüstungsbetriebe Europas aus dem Boden gestampft. Das Stahlwerk ist heute einer der modernsten Betriebe am internationalen Markt.
Terror und Wohltaten
Von den Bauplänen der Nazis geblieben sind in der Innenstadt die 1938 gebaute Nibelungenbrücke und die beide Brückenkopfgebäude. Dort soll 2009 die Großausstellung "Linz in der NS-Zeit" untergebracht werden, die von drei Wissenschaftlern entwickelt und neue Zugänge bringen wird, so der die Historikerin und Soziologin vom Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik der Kepler Universität, Brigitte Kepplinger.

"Da gibt es ja einige Schwerpunkte, die jeden in Gedächtnis sind, zum Beispiel die so genannten Hitlerbauten, die Brückenkopfgebäude oder die Nibelungenbrücke als sichtbare Zeugnisse. Uns geht es darum, die dahinterstehenden Mechanismen aufzuzeigen, die die NS-Zeit charakterisieren. Das heißt Terror und Wohltaten – Wohltaten für die einen, Terror für die anderen, eben die ganze Ambivalenz des Themas auszubreiten", so Kepplinger.
Gefallene Helden (Bild: Linz 09)
"Mehr Gewicht für Historikerstatements"
Was ist aber, wenn die Botschaft, dass Linz seine NS-Vergangenheit vorbildlich aufgearbeitet hat, wegen der "Gefallenen Helden" nicht ankommt, vielmehr das Bild der gefallenen Helden um die Welt geht und das Etikett "Linz ist gleich NS-Stadt" wieder auftaucht?

Der Leiter des Landesarchivs, Gerhart Marckhgott: "Wenn ich es positiv sehen möchte, dann könnte ich es als Ausrufezeichen für unsere Ausführungen sehen. Die Leute werden aufmerksam, dass es hier etwas zu diskutieren gibt. Das wird wohl niemandem erspart bleiben. Das ist vielleicht die Chance, dass die Historikerstatements wesentlich mehr Gewicht bekommen, wenn sie in eine aktuelle Diskussion eingebettet sind."
Der Leiter des Archivs der Stadt Linz, Walter Schuster: "Ich denke, dass keine Gefahr besteht, dass Linz als Nazi-Stadt in der Welt verschrien ist. Es gibt keine Stadt im deutschsprachigen Raum, die sich in den letzten Jahren so nachhaltig mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit beschäftigt hat. Daran kann auch dieses Projekt der Reiterstandbilder aus der Nibelungensage nichts ändern."
Kriemhild (Bild: ORF)
Kein Treffpunkt für Ewiggestrige
Linz dürfe im Kulturhauptstadtjahr rund um die Gefallenen Nibelungenhelden nicht zu einem Treffpunkt für Ewiggestrige werden.
Keine missverständlichen Schlagzeilen zu den gefallenen Helden, kein negatives Image für Linz an der Donau, heißt die politische Devise, so Kulturstadtrat Erich Watzl (ÖVP).

"Ich glaube, dass tatsächlich noch viele Fragen offen sind und daher jetzt ein Ja nicht möglich erscheint. Viele Fragen offen heißt, man muss urheberrechtlich ein Ja oder ein Nein bekommen. Man muss auch von der Qualität die Experten noch drüberschauen lassen. Es ist vor allem entscheidend, ob die Grundintention in begleitenden Vermittlungsprogrammen auch plausibel rüberkommt. Wenn das der Fall wäre, könnte ein derartiges Projekt realisiert werden, wenn nicht, dann glaube ich, dass die Intendanz kein Ja sagen wird", so Watzl.

Entscheidung in den nächsten Monaten
Auch das 09-Team ist sich der möglichen Tragweite der "Gefallenen Helden" bewusst. Ob es dieses Projekt 2009 geben wird, oder ob die "Gefallenen Helden" schon vorher fallen - das will man in den nächsten Monaten entscheiden.